Zahnpasta ohne SLS: was dieses Tensid dort überhaupt macht
Nehmen Sie Ihre Tube und lesen Sie die Liste. Nach dem Wasser, nach dem Sorbit, irgendwo in der Mitte steht ein Tensid. In den meisten Zahnpasten der Welt ist es Natriumlaurylsulfat — auf der Packung SLS. Es steckt seit den dreißiger Jahren in Zahnpasta, und fast niemand, der zweimal täglich putzt, könnte Ihnen sagen, wozu.
Es macht den Schaum.
Das ist nicht die ganze Geschichte, aber es ist die Hälfte, die alle verkehrt herum verstehen. Der Schaum putzt Ihre Zähne nicht. Geputzt wird durch das Poliermittel — Silica, gemessen in RDA — zusammen mit der Borste und den wenigen Zentimetern, die Ihre Hand tatsächlich zurücklegt. Das Tensid senkt die Oberflächenspannung, trägt die Paste dorthin, wo die Borste nie hinkommt, und löst Fettiges. Nebenbei füllt es den Mund mit Schaum, und der fühlt sich exakt wie Sauberkeit an.
Schaum ist ein Gefühl. Abrasion ist ein Mechanismus. Nur eines von beiden hatte je ein Werbebudget.
Dreißig Jahre, ein Tensid, keine Einigkeit
1993 machten zwei Forscher in Oslo etwas ungewöhnlich Direktes. Brokstad Herlofson und Barkvoll stellten fünf Zahnpasten her, die sich nur in einem unterschieden: im SLS-Gehalt, von 0,0% bis 1,5%. Jede wurde zehn Freiwilligen über eine Schiene an den Gaumen gelegt, zweimal täglich, zwei Minuten, vier Tage lang. Die Paste ohne SLS erzeugte keine Reaktion. Die Paste mit 1,5% SLS schälte die Schleimhaut bei 60% von ihnen (Acta Odontologica Scandinavica 51(1):39–43).
Drei Jahre später wiederholten sie es in größerem Maßstab. Achtundzwanzig Frauen, sieben Pasten, die sich nur in Tensid und Dosis unterschieden: SLS in drei Stärken, Cocamidopropylbetain in drei Stärken und eine tensidfreie Kontrolle. Fünfundvierzig Abschuppungsreaktionen bei einundzwanzig der siebenundzwanzig ausgewerteten Personen. Zweiundvierzig davon fielen in die SLS-Phasen. Drei in die Betain-Phasen. Die tensidfreie Paste erzeugte keine (European Journal of Oral Sciences 104(1):21–26).
Dann gingen sie an das, worüber Patienten wirklich klagen. Zehn Menschen mit häufigen Aphthen putzten drei Monate mit einer Paste mit 1,2% SLS und drei Monate ohne. Die Zahl der Aphthen fiel von 14,3 auf 5,1, ein Rückgang um 9,2, bei p < 0,05. Eine doppelblinde Cross-over-Studie an dreißig Patienten mit drei Sechs-Wochen-Armen zeigte dieselbe Richtung: signifikant mehr Aphthen unter SLS als unter Betain oder unter einer tensidfreien Paste.
An dieser Stelle sieht die Sache erledigt aus. Sie ist es nicht.
Die Studien, die niemand zitiert
1999 schickte eine Londoner Universitätsklinik siebenundvierzig Aphthen-Patienten durch acht Wochen SLS-Paste und acht Wochen SLS-frei, doppelblind, mit zwei Wochen Auswaschphase dazwischen. Tage mit Ulzera, Gesamtschmerz, Episoden, Zahl der Ulzera, Dauer, Größe. Kein einziger Parameter bewegte sich (Oral Diseases 5(1):39–43).
2012 führte eine Gruppe in Seoul neunzig Patienten durch dasselbe Design. Die Zahl der Ulzera änderte sich nicht, die Zahl der Episoden auch nicht. Zwei Dinge änderten sich doch: Die Ulzera heilten schneller und schmerzten weniger (Oral Diseases 18(7):655–660).
Eine Arbeit von 1997 fragte, wie lange das Tensid überhaupt Kontakt mit Ihnen hat. Nach dem Putzen ließen sich 86% des SLS aus der Paste binnen zehn Minuten aus dem Mund zurückgewinnen, bei Aphthen-Anfälligen 89%; nach dem Spülen 96% binnen zwei Minuten (Journal of Clinical Periodontology 24(5):313–317). Kontaktzeit: sehr kurz. Zwei Autoren jener Arbeit arbeiteten für einen Zahnpastahersteller — das gehört dazu, und es ist für sich genommen keine Widerlegung.
Was die zusammengefasste Evidenz sagt
Ein systematischer Review mit Metaanalyse von 2019 fand vier doppelblinde randomisierte Cross-over-Studien — 124 Teilnehmende insgesamt —, von denen sich nur zwei poolen ließen. In diesen zweien senkte SLS-freie Zahnpasta die Zahl der Ulzera, ihre Dauer, die Zahl der Episoden und den Schmerz signifikant, und die Effektrichtung hielt über alle vier (Journal of Oral Pathology & Medicine 48(5):358–364). Der Schluss der Autoren ist vorsichtig: Patienten mit rezidivierender aphthöser Stomatitis könnten profitieren, und bessere Studien fehlen weiterhin. Ein Scoping Review von 2022 kam zum selben Urteil. Ein Review von 2023 über vierzig Arbeiten nannte sich The Yin and Yang of Sodium Lauryl Sulfate und stellte Nutzen gegen Schaden: bessere Löslichkeit der Wirkstoffe, bessere Plaquekontrolle, weniger Mundgeruch — gegen langsamere Wundheilung und ein Risikosignal für Aphthen.
Dreißig Jahre, ein Dutzend Studien, und die ehrliche Zusammenfassung lautet: Der Effekt ist wahrscheinlich real, wahrscheinlich klein und wahrscheinlich auf ohnehin Anfällige beschränkt. Das ist unbefriedigend. Es ist auch richtig, und wer Ihnen eine sauberere Antwort gibt, verkauft etwas — auch jeder, der Zahnpasta verkauft.
Warum die Antwort nicht entscheidend ist
Der Zug, auf den es ankommt, ist kein wissenschaftlicher; es ist eine Frage nach dem Preis des Irrtums. Sie müssen nicht wissen, ob SLS in der Bevölkerung Aphthen verursacht — Sie müssen wissen, was Sie ein Irrtum in jede der beiden Richtungen kostet. Eine Studie von 2015 an hundertzwanzig Menschen maß, was Sie beim Verzicht aufgeben: Über acht Wochen war die SLS-freie Paste bei Zahnfleischbluten und Plaque gleich wirksam, ohne signifikanten Unterschied bei der Zahnfleischabrasion. Signifikant höher bewerteten die Teilnehmenden die SLS-Paste bei Geschmack, Frische und Schaum (Clinical Oral Investigations 20(3):443–450).
Die beiden Irrtümer sind also nicht gleich teuer. Lassen Sie das Tensid weg und hätten es nicht gebraucht, kostet es Sie Schaum. Behalten Sie es und gehören zu denen, die es stört, zahlen Sie in Tagen mit Aphthen — jedes Jahr, solange Sie weiterputzen. Die Antwort für die Bevölkerung ist wirklich unbekannt. Die Entscheidung ist nicht knapp.
Das ist eine der wenigen Fragen der Mundpflege, die Sie selbst klären können, in acht Wochen. Putzen Sie zwei Monate mit einer Paste ohne SLS und zählen Sie — keine Eindrücke, eine Zahl. Ändert sich nichts, wissen Sie, dass dieser Inhaltsstoff nicht Ihr Problem ist — das ist es wert, und es kostet fast nichts. Fällt die Zahl, hat keine Metaanalyse der Welt Bestand gegen Ihre eigene Rechnung.
Was in unserer Tube steht — und was wir Ihnen darüber nicht sagen können
In keiner Zahnpasta von Das Experten ist SLS enthalten. Sechs davon führen Sodium Lauroyl Sarcosinate in der INCI — SCHWARZ, DETOX, GINGER FORCE, COCOCANNABIS, SYMBIOS und EVOLUTION —, auf drei Datenblättern als LS30 geschrieben, dasselbe Tensid bei 30%. Eine siebte, TERMO 39°, führt Sodium Sarcosinate. Zwei tragen überhaupt kein Tensid: BUDDY MICROBIES und INNOWEISS.
Und jetzt der Teil, den eine Marke nicht schreiben soll. Sarcosinat wurde nie in einer Aphthen-Studie gegen SLS geprüft. Was SLS in der Osloer Arbeit schlug, waren Cocamidopropylbetain und eine tensidfreie Paste — nicht Sarcosinat. Wir können Ihnen sagen, was auf dem Etikett steht, und dass es nicht das Molekül ist, das jene Studien belasteten. Wir können Ihnen nicht sagen, dass es für Ihren Mund tut, was Betain 1996 tat, denn diese Studie hat niemand gemacht. Es trotzdem zu behaupten wäre genau das, worüber dieser Text sich beklagt.
Es ging nie um den Schaum. Drehen Sie morgen früh die Tube um und lesen Sie die Zeile — und finden Sie dann an sich selbst heraus, ob sie etwas bedeutet.