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Artikel · 6 Min.

Schwangerschaft und Zähne: Ihr Baby nimmt kein Calcium aus Ihren Zähnen — aber Frauen mit mehr Kindern behalten tatsächlich weniger davon

Später Abend in einem warmen Schlafzimmer: Eine schwangere Frau mit schulterlangem welligem Haar, in einer haferfarbenen Strickjacke über einem cremefarbenen Oberteil, sitzt auf der Bettkante; eine Hand ruht auf dem Bauch, die Fingerspitzen der anderen drücken leicht gegen Wange und Kiefer, als ertaste sie einen Zahn; hinter ihr leuchtet sanft eine Nachttischlampe.

Sie haben es von Ihrer Mutter gehört, von Ihrer Großmutter oder von einer Frau im Wartezimmer: Jedes Kind kostet einen Zahn. Auch Hausa-Frauen im Norden Nigerias bringen den Verlust von Zähnen mit der Geburt in Verbindung. Und irgendwann im siebten Monat, wenn das Zahnfleisch zum ersten Mal rosa ins Waschbecken blutet, klingt das plötzlich nicht mehr nach Volksweisheit.

Zuerst die kurze Antwort, dann die lange. Die Rechnung in diesem Spruch stimmt: In vier Ländern behielten Frauen mit mehr Kindern weniger Zähne — in Japan gingen vier Geburten mit einer 4,305-fach höheren Chance einher, weniger als 20 Zähne zu haben. Der Schuldige im Spruch ist aber falsch: Ihr Baby holt sich kein Calcium aus Ihren Zähnen.

Schwangerschaft und Zähne: Was die Zählung tatsächlich zeigt

Beginnen wir mit der Zählung, denn diese Hälfte halten die meisten für erfunden. In den USA zeigten 2 635 Frauen aus einer nationalen Gesundheitsuntersuchung es deutlich: je mehr Kinder, desto mehr verlorene Zähne. In Vorpommern fand die Bevölkerungsstudie SHIP mit 4 290 Erwachsenen dieselbe umgekehrte Linie zwischen geborenen Kindern und verbliebenen Zähnen — und daneben ein seltsames Paradox: Die Frauen hatten gesünderes Zahnfleisch als die Männer und trotzdem weniger Zähne. In Japan, bei 3 854 Frauen ab 40 Jahren: Verglichen mit Frauen ohne Geburt gingen zwei Geburten mit einer 2,485-fach höheren Chance einher, weniger als 20 Zähne zu haben, drei mit 2,844-fach, vier mit 4,305-fach. Im Norden Nigerias hatten unter 612 Hausa-Frauen jene mit fünf oder mehr Kindern mehr Zähne verloren als gleichaltrige Frauen mit weniger.

Vier Länder, vier Küchen, vier Zahnmedizin-Systeme, eine Richtung. Was immer das ist — Aberglaube ist es nicht.

Mythos: Das Baby holt sich das Calcium aus Ihren Zähnen

Nun der Mechanismus, den der Spruch anbietet. Ein reif geborenes Baby trägt etwa 30 g Calcium in sich, und rund 80 % davon kommen in den letzten drei Monaten hinzu. Irgendwoher muss es kommen — und der Spruch nimmt an, es komme aus dem sichtbarsten Calcium, das Sie besitzen.

Tut es nicht. Fertiger Zahnschmelz enthält keine lebenden Zellen — nichts, was ihn abbauen und das Mineral ans Blut zurückgeben könnte. Knochen ist anders: Er wird ein Leben lang umgebaut, und dort greift der Körper auf seine Reserve zu. In der Schwangerschaft verdoppelt der Darm, wie wirksam er Calcium aus der Nahrung aufnimmt; in der Stillzeit gibt das Skelett selbst Mineral für die Milch ab. Die physiologische Übersichtsarbeit, die all das darlegt, umfasst fast hundert Seiten und braucht die Zähne kein einziges Mal.

Der Mythos ist nicht ohne Grund überzeugend, und der Grund ist das Timing. Das meiste Calcium holt sich das Baby in den letzten drei Monaten; das Zahnfleisch ist im zweiten und dritten Drittel am stärksten entzündet. Zwei wahre Dinge geschehen in denselben Wochen, und der Kopf tut, was er immer tut: Er zieht einen Pfeil zwischen ihnen. Erfunden ist der Pfeil. Die beiden Dinge sind es nicht.

Was stattdessen passiert: Zahnfleischentzündung in der Schwangerschaft verändert das Zahnfleisch, nicht den Schmelz

Warum geht die Rechnung dann auf? Der solideste Beleg betrifft das Zahnfleisch, nicht den Schmelz. Eine systematische Übersicht von 2013 fasste 33 Studien zusammen: Die Zahnfleischentzündung nimmt im Lauf der Schwangerschaft zu, ist im zweiten und dritten Drittel höher als nach der Geburt oder bei nicht schwangeren Frauen — ohne dass der Belag entsprechend zunimmt. Lesen Sie das zweimal. Derselbe Belag erzeugt mehr Entzündung. Die Hormone ändern, wie das Zahnfleisch antwortet, nicht, worauf es antwortet.

Gebaute Tafel: Auf einem Kalksteinsockel steht ein Backenzahnmodell im Querschnitt unversehrt neben einem aufgeschnittenen Stück porösen Knochens, aus dem feine goldene Mineralkörnchen davonschweben; daneben die Worte „Die Rechnung stimmt. Der Dieb nicht.“ sowie 30 g Calcium in einem reif geborenen Baby, die in der Schwangerschaft verdoppelte Calciumaufnahme im Darm und die 4,305-fach höhere Chance auf weniger als 20 Zähne nach vier Geburten; Studien 2008–2021.
Das Calcium für das Baby kommt aus der Nahrung und aus dem Knochen. Der Zahnschmelz hat keine Zellen, die es abgeben könnten.

Dann kommt der ehrliche Teil, den der Spruch nie hatte. Die amerikanischen Forscher prüften, ob Zahnarztbesuche, Stress oder Gewohnheiten den Zusammenhang erklären — nichts davon, und sie schrieben, der Mechanismus bleibe ungeklärt. Das Greifswalder Team verband ihn mit einem schnelleren Knochenumbau, mit der Einnahme von Östrogenen und mit niedrigerer Bildung und sozialer Stellung. Ein Muster, das sich in vier Ländern ohne gesicherte Ursache wiederholt, ist genau die Sorte Ding, die man weder abtun noch allzu selbstsicher erklären sollte. Die Rechnung können wir lesen. Jede Zeile darauf noch nicht.

Zahnfleischbluten in der Schwangerschaft: Was Sie in den Monaten tun, um die es geht

Wenn Ihr Zahnfleisch gerade beim Putzen blutet, ist der natürliche Impuls, weniger zu putzen. Genau so wird aus einer hormonellen Reaktion ein dauerhaftes Problem. Reinigen Sie den Zahnfleischrand weiter sanft, zweimal täglich, vor allem im zweiten und dritten Drittel, wenn die Entzündung laut der Übersicht am stärksten ist. Sagen Sie Ihrem Zahnarzt, dass Sie schwanger sind, und lassen Sie Blutungen, die nicht abklingen, untersuchen, statt abzuwarten: Blutendes Zahnfleisch braucht eine zahnärztliche Beurteilung, keine Vermutung. Und essen Sie calciumbewusst — Ihr Darm arbeitet ohnehin doppelt so wirksam daran, es aufzunehmen.

Wenn empfindliches Zahnfleisch Sie zu einer weicheren Bürste greifen lässt: Unsere AKTIV ist eine weiche Zahnbürste mit konischen DuPont-Tynex®-Filamenten. Mehr behaupten wir hier nicht: Sie ist weich, sie behandelt nichts, und blutendes Zahnfleisch gehört weiterhin zum Zahnarzt.

Heute Abend, wenn Sie diesen einen Zahn ertasten und an den Spruch denken, denken Sie auch daran, welche Hälfte davon stimmt.

Ein Kind kostet Sie keinen Zahn, weil es sich Calcium stiehlt. Aber mehr Kinder gehen mit weniger Zähnen einher, und es beginnt am Zahnfleisch — dem einen Teil der Rechnung, an dem Sie noch etwas tun können.